Die 47 Rōnin

Prolog

Die Geschichte der 47 Rōnin

Am Hof des Shogun

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden zwei Daimyō, Asano Takumi no Kami Naganori und Kamei Korechika, an den Hof des Shōgun in Edo gerufen und damit beauftragt, die Empfangszeremonie für einen Gesandten des Mikado vorzubereiten.

Da die Daimyō mit den dabei üblichen Zeremonien nicht vertraut waren, wurde der Zeremonienmeister Kira Kotsuke no Suke Yoshihisa angewiesen, ihnen die notwendigen Grundlagen der höfischen Etikette beizubringen.

Wie in solchen Fällen üblich, brachten die Daimyō ihrem Lehrer Geschenke für seine Mühen. Kotsuke no Suke allerdings war über die Gaben seiner Schüler sehr enttäuscht. Sie erschienen ihm viel zu gering im Vergleich mit der Wichtigkeit seiner Aufgabe. Der Zeremonienmeister zeigte seinen Ärger und seine Verachtung immer deutlicher: Er belehrte die Daimyō kaum noch über die höfischen Sitten, sondern nutzte die täglichen Zusammenkünfte ausschließlich dazu, seine beiden Schüler zu verspotten und zu beschimpfen.

Während Asano Takumi no Kami die Beleidigungen des Zeremonienmeisters wortlos über sich ergehen ließ, beschloss der temperamentvollere Kamei Sama, sich für die schlechte Behandlung zu rächen und Kotsuke no Suke zu töten. Da Kamei Sama aber wusste, dass er für diesen Racheakt innerhalb der Palastmauern selbst mit dem Tode bestraft werden würde, bereitete er seine Vertrauten auf sein Ableben vor.

Einer dieser Vertrauten beschloss insgeheim, den Tod seines Herrn zu verhindern. Er begab sich mit einem wertvollen Geschenk zu dem habgierigen Zeremonienmeister und gab vor, es stamme von seinem Herrn, der damit die wertvollen Dienste Kotsuke no Sukes belohnen wolle.

Der Zeremonienmeister war so entzückt über das höfliche Lob und das großzügige Geschenk, dass er Kamei Sama am nächsten Tag mit ausgesuchter Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnete und sich bemühte, ihn in allen wichtigen Punkten der höfischen Etikette ausführlich zu unterweisen.

Kamei Sama wiederum war über den plötzlichen Sinneswandel und die Freundlichkeit des Zeremonienmeisters so überrascht, dass er beschloss, seinen Racheplan nicht auszuführen. Damit hatte der kluge Vertraute tatsächlich das Leben seines Herrn gerettet. Weniger glücklich dagegen verlief der Tag für Asano Takumi no Kami. Zwar war durch das Geschenk der Ärger des Zeremonienmeisters auf Kamei Sama verflogen, allerdings konzentrierte sich dessen gesamter Unmut nun auf Asano Takumi no Kami, der kein großzügiges Geschenk überreicht hatte.

Asano Takumi no Kami ließ zunächst alle Beleidigungen und Beschimpfungen des Zeremonienmeisters geduldig über sich ergehen bis er schließlich vor Zorn nicht mehr an sich halten konnte und Kotsuke no Suke mit seinem Dolch angriff. Zwar hatte er den Zeremonienmeister nur leicht verletzt, dennoch wurde der Daimyo für seinen bewaffneten Angriff innerhalb der Palastmauern zum Seppuku verurteilt.

Der Racheplan

Nach dem Tod Asano Takumi no Kamis wurde sein Besitz eingezogen und seine Samurai entlassen. Einige von ihnen gingen und suchten sich einen neuen Herrn oder verdienten ihren Lebensunterhalt durch Handwerk und Handel. Unter den Entlassen befanden sich aber 47 treue Anhänger Asanos, die beschlossen, gemeinsam den Tod ihres Herrn zu rächen. Der Zeremonienmeister aber fürchtete die Rache der Rōnin und umgab sich Tag und Nacht mit einer Gruppe bewaffneter Leibwächter, so dass es keine Möglichkeit gab, an ihn heran zu kommen. Die 47 Rōnin beschlossen daraufhin, sich für eine Weile zu trennen. Ōishi Kuranosuke, der Anführer der Gruppe, ging nach Kyōto und begann dort, ein ausschweifendes Leben zu führen. Der misstrauische Zeremonienmeister, der immer noch eine Rache der Rōnin fürchtete, ließ ihn beobachten. Er konnte nicht glauben, dass die Samurai des Asano Takumi no Kami ihren Herrn einfach vergessen und ein neues Leben beginnen würden.

Eines Tages kam Ōishi Kuranosuke betrunken aus einer Gaststätte, fiel auf der Straße hin und schlief ein. Einer der Vorübergehenden erkannte den Rōnin, bespuckte und beschimpfte ihn, weil er nicht in der Lage sei, seinen Herrn zu rächen, sondern statt dessen würdelos auf der Straße herumliege. Auch diese Begebenheit war von den Männern Kotsuke no Sukes beobachtet und dem Zeremonienmeister mitgeteilt worden. Als Ōishi Kuranosuke sich kurz darauf auch noch von seiner Frau scheiden ließ und sie mitsamt den jüngeren Kindern – nur seinen ältesten Sohn behielt er bei sich – aus dem Haus warf, glaubte der Zeremonienmeister nichts mehr fürchten zu müssen.

Die Wachsamkeit Kotsuke no Sukes ließ daraufhin mehr und mehr nach, er entließ einige Leibwächter und war schließlich überzeugt, die Rōnin Asanos seien allesamt Feiglinge, die es nicht wagten, den Tod ihres Herrn zu rächen. In der Zwischenzeit hatten sich aber die anderen 46 Rōnin bereits wieder nach Edo begeben und machten sich mit den Räumlichkeiten des Zeremonienmeisters und den Gewohnheiten seiner Bediensteten vertraut.

Als Ōishi Kuranosuke schließlich zugetragen wurde, dass der Zeremonienmeister sich in vollkommener Sicherheit wiege, beschloss er, den richtigen Zeitpunkt für die Rache abzuwarten. Die Gelegenheit zu einem Überfall auf das Haus des Zeremonienmeisters bot sich im Winter. Die Ronin beschlossen, im Schutz der heftigen Schneefälle in zwei Gruppen getrennt zuzuschlagen.

Eine der beiden Gruppen sollte von Ōishi Kuranosuke angeführt werden, der andere von seinem Sohn Ōishi Chikara, die erste den Haupteingang stürmen, die andere zeitgleich durch den Hintereingang in das Haus Kotsuke no Sukes eindringen. Stattfinden sollte der Angriff um Mitternacht und alle Ronin verpflichteten sich dazu, den Kopf des Übeltäters abzuschneiden und ihn als Opfer zum Grab ihres Herrn zu bringen. Auch wurde verabredet, dass Frauen, Kinder und alte Männer bei dem Überfall verschont werden sollten.

Der Angriff

Nachdem die Vorbereitungen für die Rache an dem Zeremonienmeister abgeschlossen waren, setzten die 47 sich zu einem Abschiedsmahl zusammen. Da ihr Herr zum Tode durch Seppuku verurteilt worden war, bestand für sie nicht das Recht zur Blutrache. Das bedeutete, dass sie selbst mit großer Sicherheit für ihre Rache an Kotsuke no Suke mit dem Tod bestraft werden würden. Der Überfall begann, die Türen zum Haus des Zeremonienmeisters wurden gestürmt. Gleichzeitig wurden die Nachbarn, die den bösartigen Kotsuke no Suke ebenfalls hassten, benachrichtigt und auf dem Dach wurden Bogenschützen postiert, so dass niemand entkommen und Hilfe holen konnte.

Einige der Männer des Zeremonienmeisters versuchten die Eindringlinge abzuwehren, ein heftiger Kampf entwickelte sich. Kotsuke no Suke floh unterdessen in Todesangst in eine versteckte Kammer. Die Rōnin kämpften sich ohne Verluste bis zur Mitte des Hauses durch, wo die beiden Gruppen wieder zusammentrafen. Gemeinsam bekämpften sie die übrigen Beschützer des Zeremonienmeisters.

Als schließlich alle Verteidiger tot oder geflohen waren, machten die Rōnin sich auf die Suche nach Kotsuke no Suke. Schließlich entdeckten sie hinter einem Bild an der Wand den Zugang zu einem versteckten Innenhof und fanden dort einen fürstlich aussehenden Mann im Nachtgewand. Seinen Namen wollte der Gefangene nicht nennen, aber Ōishi Kuranosuke erkannte seinen Feind an der Narbe, die von Asano Takumi no Kamis Angriff stammte. Er sprach den Herrn wegen seines hohen Ranges respektvoll an und bat ihn darum, die Rache der Rōnin anzuerkennen und als Sühne selbst Seppuku zu verrichten. Ōishi Kuranosuke wollte ihm dabei als Sekundant dienen. Der Zeremonienmeister blieb auch nach mehrmaligem Flehen der Rōnin stumm vor Angst.

Schließlich musste Ōishi Kuranosuke einsehen, dass der Zeremonienmeister sich nicht zum Seppuku überreden lassen würde. Daraufhin tötete er ihn mit dem Schwert, mit dem sein Herr Asano Takumi no Kami Seppuku begangen hatte und schnitt ihm den Kopf ab. Die Rōnin nahmen den Kopf des Zeremonienmeisters und machten sich auf den Weg zum Tempel Sengakuji, wo sich das Grab ihres Herrn befand. Alle, die ihnen unterwegs begegneten, waren voller Respekt für die Treue der 47 Rōnin und behandelten sie mit größter Ehrerbietung. Im Tempel angekommen, wuschen sie den Kopf des Kotsuke no Suke und legten ihn auf das Grab ihres Herrn. Dann baten sie den Vorsteher des Tempels, sie nach ihrem Tod zu begraben und ihrer zu gedenken. Sie setzten sich bei den Gräbern hin und warteten auf das Urteil des Gerichtshofes, der sie wie erwartet zum Tod durch Seppuku verurteilte.

Die Gräber der 47 Rōnin

Nach ihrem Tod wurden alle 47 Rōnin beim Grab ihres Herrn bestattet. Viele kamen zu ihrer Ruhestättte um die tapferen Rōnin für ihre bewiesene Treue zu ehren. Unter ihnen war auch der Mann, der Oishi Kuranosuke bespuckt hatte als dieser in Kyōto betrunken auf der Straße gelegen hatte. Er bereute, den Anführer der Rōnin so beleidigt zu haben und beging als Sühne selbst Seppuku, woraufhin er neben den 47 Rōnin begraben wurde.