Nara-Zeit

Im Jahr 710 verlegte die herrschende Kaiserin Gemmei-tennō (661-721) die Hauptstadt des Reiches nach Heijō-kyō, heute Nara. Nara war nach chinesischem Vorbild erbaut und die erste Stadt, die mehr als 70 Jahre lang ständige Hauptstadt und Regierungssitz blieb1).

Die Nara-Zeit zeichnet sich vor allem durch lange anhaltenden Frieden und kulturelle Blüte aus. Unter Gemmei-tennō und ihrer Nachfolgerin Genshō-tennō entstanden zahlreiche Gesetzeswerke und Chroniken, z.B. der Yōrō-Kodex und das Nihonshoki (auch Nihongi). Im Bereich der Literatur entstanden in der Nara-Zeit bedeutende Werke, die Infrastruktur Japans wurde ausgebaut, neben der Entwicklung des einheimischen Handwerks gewann auch der Handel mit Gütern aus China an Bedeutung. Zu den wichtigsten literarischen Werken zählen das Kaifusō und das Manyōshu, zwei Sammlungen chinesischer bzw. japanischer Gedichte.

Durch den Ausbau der Infrastruktur, v.a. Straßenbau, war eine bessere Kontrolle des Reiches durch die Zentralregierung möglich, auch die Steuereintreibung wurde durch neue Verkehrsverbindungen erleichtert.

Obwohl ein großer Teil der Landbevölkerung dem Shintō anhing, konnte sich der Buddhismus unter Shōmu-tennō zunehmend etablieren und vermischte sich allmählich mit den Traditionen des Shintō. Dieser Unterschied zwischen der Landbevölkerung und den Gelehrten der Städte zeigt sich auch darin, dass diese häufig in China studierten, gewöhnliche Japaner jedoch nicht aus dem Reich ausreisen durften. Unter dem Buddha-Anhänger Shōmu-tennō gewannen die Klöster Naras an Macht und Ansehen, vor allem durch großzügige Schenkungen des Tennō.

Nach seiner Abdankung im Jahre 749 kam es zu Erbfolgestreitigkeiten, die Familie Fujiwara unter Fujiwara no Nakamaro (706-764) gewann zunehmend an Macht und konnte sich gegen Umsturzversuche ihrer Gegner behaupten.

Im Laufe der Nara-Zeit wurde die zunächst durch die Taika-Reformen gesicherte Macht des Tennō allmählich wieder ausgehöhlt. Vor allem unter der Herrschaft Kōnin-tennōs (709-782), der ab 770 regierte, nahm der feudale Grundbesitz wieder zu, da unter anderem neu gewonnenes Land den Lehnsherren wieder als Besitz, und damit erblich, zuerkannt wurde2). Mit diesem Vorgehen konnte er sich zwar vorübergehend die Loyalität des Adels sichern, die Machtverhältnisse verschoben sich aber immer mehr zu seinen Ungunsten.

Im Jahr 792 wurde es notwendig, das Heer neu zu organisieren. Kammu-tennō ließ neue Truppen aufstellen, die sich vor allem aus Mitgliedern des niederen Adels zusammensetzten. Aufgabe dieser Truppen war die Errichtung von Festungen gegen das Volk der Emishi3) im Nordosten des Landes, die das Yamato-Reich wiederholt angriffen4).

Unter dem Nachfolger Kōnin-tennōs, Kammu-tennō, konnte die Familie Fujiwara ihre starke Stellung im Reich weiter ausbauen. Der sonst als sehr sparsam geltende Kammu-tennō verlegte die Hauptstadt des Reiches während seiner Regierungszeit gleich zwei Mal: Im Jahre 784 von Nara nach Nagaoka, und im Jahr 794 nach Heian-kyō, dem heutigen Kyōtō.

1) Vorher war es üblich gewesen, die Hauptstadt bei wichtigen Ereignissen, z.B. dem Tod des Tennō zu verlegen.
2) Vgl. Dettmer: Grundzüge, S.40ff.
3) auch Ebisu oder Ezu; Volk in Nord- bzw. Ostjapan, das als Gegner des Yamato-Reiches galt.
4) Dettmer: Grundzüge, S. 44.