Land of Samurai - Heian-Zeit

Heian-Zeit

Die Heian-Zeit beginnt mit der Verlegung der Hauptstadt von Nara nach Heian-kyō (heute Kyōto) unter Kammu-tennō1). Heian-kyō – vor dem Bau der neuen Hauptstadt ein kleines Dorf namens Uda - blieb Regierungssitz bis ins Jahr 18692).

Charakteristisch für die Heian-Zeit ist unter anderem die teilweise Loslösung vom langjährigen Vorbild China und die Entstehung eines ausgeprägten Nationalgefühls der Japaner. Vor allem in den Wissenschaften3) verlor der Buddhismus an Bedeutung, gleichzeitig entstanden aber zahlreiche buddhistische Geheimlehren.

Die japanische Kultur hatte sich, vor allem im Bereich der Literatur, in der Nara-Zeit entscheidend entwickelt, erste große Werke waren entstanden. Diese Entwicklung setzte sich in der Heian-Zeit fort, die auch als Klassik der japanischen Literatur bezeichnet wird.

Von besonderer Bedeutung ist hier vor allem die Literatur der Hofdamen, wie zum Beispiel das Kopfkissenbuch4) und oder das Genji Monogatari5).

Diese Literatur der Frauen ist auch deshalb besonders hervorzuheben, weil sie nicht – wie in dieser Zeit allgemein üblich – in chinesischer Schrift verfasst war. Die Verwendung von chinesischen Schriftzeichen galt für Frauen als unschicklich, weshalb eine eigene Silbenschrift6) für sie entwickelt wurde.

Während der Regierung Kammu-Tennōs erreichte die Macht des Tennō ihren Höhepunkt7), durch regelmäßige Kontrollen versicherte er sich der Loyalität der Provinzgouverneure und anderer höherer Beamter. Zudem versuchte er, den Privatbesitz von Adel und Klöstern einzuschränken. Nach seinem Tod im Jahre 806 gelang es vor allem der Familie Fujiwara, die Macht des Thrones langsam zu untergraben. Sowohl unter Saga-Tennō als auch unter seinen Nachfolgern hatten Mitglieder der Familie Fujiwara hohe Stellungen inne. Im Jahr 866 übernahm Fujiwara no Yoshifusa (804-872) das Amt des Regenten, obwohl dieses eigentlich den Mitgliedern der kaiserlichen Familie vorbehalten war.

In den folgenden Jahren gelang es der Familie Fujiwara, ihren Einfluss auf den Thron zu behalten. Die (meist minderjährigen) herrschenden Tennō waren praktisch Marionetten, die wirkliche Macht lag bei den Regenten der Fujiwara-Familie. Mittlerweile war die von Kammu-Tennō bekämpfte Steigerung des Privatbesitzes zu einem ernsthaften Problem geworden. Die Zahl der Steuerpflichtigen sank rapide, da viele Bauern sich durch die hohen Abgaben gezwungen sahen, ihr Land an besser Gestellte abzugeben. Dadurch entledigten sie sich einerseits der Steuerpflicht, andererseits nahm der steuerfreie Besitz einzelner Grundherren immer mehr zu. Vor allem in entlegeneren Provinzen kam es zu Machtkämpfen zwischen den adligen Grundbesitzern. Diese begannen damit, zu ihrem Schutz Privatheere aufzustellen und sich in regelrechten Kriegszügen gegenseitig das Land streitig zu machen.

In diese Zeit fällt auch der allmähliche Aufstieg der Kriegerklasse. Ein Beispiel für diesen Aufstieg ist Taira no Masakado (gestorben 940). Diesem Kämpfer gegen die Emishi gelang es unter Suzaku-Tennō nach und nach, immer mehr Besitz zu erwerben und schließlich das gesamte Kantō-Gebiet unter seine Herrschaft zu bringen. Taira no Masakado versuchte daraufhin im Jahr 940, den Tennō zu entmachten und sich selbst an die Spitze des japanischen Reiches zu setzen. Dieser Aufstand misslang jedoch und er wurde noch im selben Jahr gestürzt.

Dagegen gelang es einer anderen Kriegerfamilie, auf friedlichere Art und Weise Macht und Ansehen zu gewinnen: Die Minamoto ließen sich von den immer noch faktisch herrschenden Fujiwara als Unterstützung anwerben. Ihre Zusage, die Macht des Thrones auch in den Provinzen abzusichern, wurde von den Fujiwara mit Titeln und Ansehen belohnt. Das Ende der Vorherrschaft der Fujiwara kam mit dem Amtsantritt von Go-Sanjō-Tennō im Jahr 1068, der im Gegensatz zu seinen Vorgängern auch die reale Macht übernahm und damit den Fujiwara-Regenten entmachtete. Bereits ein Jahr später ließ Go-Sanjō-Tennō alle zu Unrecht erworbenen Ländereien der großen Familien einziehen, wovon auch die Fujiwara betroffen waren8).

Trotz allem wurde die Stellung der Zentralregierung mehr und mehr geschwächt, die Macht der Grundherren und der Kriegerklasse dagegen nahm stetig zu. Auch die buddhistischen Klöster begannen um die Jahrtausendwende damit, eigene Truppen aufzustellen. Diese Kriegerklasse, die nun mehr und mehr im Mittelpunkt stand, hatte ganz eigene Verhaltens- und Umgangsregeln, die teilweise den buddhistischen Lehren völlig entgegenstanden.

In den folgenden Jahren kam es zu ausgedehnten Machtkämpfen, mitunter existierten zwei oder sogar noch mehr Kaiserhöfe parallel. All dies führte dazu, dass die Zentralregierung, vor allem im militärischen Bereich, immer stärker auf die Unterstützung der mächtigen Kriegerfamilien angewiesen war.

So hatte die Familie Minamoto unter Minamoto no Yoshiie große militärische Erfolge gegen die Erhebung der Familie Kiyowara errungen, während die Familie Taira im Jahr 1108 wiederum den Aufstand eines Angehörigen der Minamoto niederschlagen konnte. Zum Zeitpunkt des Todes von Toba-Tennō im Jahr 1156 war fast alles Land in Privatbesitz, die Taika-Reform hatte in diesem Punkt jegliche Beachtung verloren. Gleichzeitig kam es zu Streitigkeiten zwischen Angehörigen der kaiserlichen Familie, die die Fujiwara- bzw. Taira-Familie spalteten9).

Nach der Abdankung des Kaisers Go-Shirakawa-Tennō im Jahr 1158 versuchten die mächtigen Kriegerfamilien, die Macht im Reich an sich zu reißen. Bei dem sogenannten Heiji-Aufstand verbündeten sich die Familien Fujiwara und Minamoto, gegen die Taira unter Taira no Kiyomori. Die Aufständigen wurden jedoch vernichtend geschlagen und Taira no Kiyomori wurde faktisch der mächtigste Mann im Staat, später übernahm er das Amt des Großkanzlers. Allerdings gab es mehrfach erfolglose Aufstände gegen die Herrschaft Taira no Kiyomoris, unter anderem von Minamoto no Yorimasa, einem Überlebenden des Heiji-Aufstandes. Nach dem Tod Taira no Kiyomoris im Jahr 1181 versuchte Minamoto no Yoritomo, ein Sohn Yorimasas, erneut, die Vorherrschaft der Taira zu brechen. Es folgte ein fünfjähriger Bürgerkrieg, an dessen Ende die Minamoto als Sieger hervorgingen und die Taira vernichtend geschlagen wurden.

1) Auch hier ist die Datierung umstritten, das Jahr 794 markiert den tatsächlichen Umzug der Regierung, Tennō blieb aber weiterhin Kammu.
2) Näheres zu den verschiedenen Hauptstädten unter Historisches - Städte und Orte.
3) Erste Hochschulen entstanden vermutlich im 7. Jh., vgl. Dettmer: Grundzüge, S. 46.
4) Das Kopfkissenbuch (jap. Makura no Sōshi) stammt von der Hofdame Sei Shōnagon, die um das Jahr 1000 lebte und stellt eine Art Tagebuch über das Leben bei Hofe dar.
5) Dieser erste japanische Roman erzählt die Geschichte eines Prinzen namens Genji und wird der Hofdame Murasaki Shikibu zugeschrieben, die ebenfalls um das Jahr 1000 lebte.
6) Diese Schrift wurde onna-de (Frauenhand) genannt und entspricht dem heutigen Hiragana.
7) Vgl. Dettmer: Grundzüge, S. 44.
8) Vgl. Dettmer: Grundzüge, S. 59.
9) Vgl. Dettmer: Grundzüge, S. 64f.